Esraj Geschichte Teil 1

Folgende Geschichte beschreibt wie Pramodan und ich zu Instrumentenbauer wurden. Wir haben diese Geschichte schon einmal in Englisch auf der "Sri Chinmoy Inspiration Group" veröffentlicht, hier folgt jetzt die deutsche Version. Die Texte haben wir zusammen geschrieben, manchmal spreche ich und ein anderes mal Pramodan, ich denke da kommt ihr schon zurecht.

Es geschah im Jahre 2002 im November. Mein Freund Pramodan und ich arbeiteten gerade in Deutschland an einem elektronischen Musikinstrument - einen Sampler. Seit 1994 haben wir eine Vielzahl elektronischer Musikinstrumente für Sri Chinmoy gebaut. Es macht uns jedes Mal viel Freude etwas neues zu kreieren. Er spielt auf allen möglichen Instrumenten und freut sich jedes Mal riesig, wenn er neue bekommt. Während wir gerade an diesen Sampler arbeiteten, klingelte das Telefon. Minati war dran. Sie war gerade auf Besuch bei Sri Chinmoy in New York und sollte uns eine Botschaft übermitteln. Sie erzählte uns, dass Sri Chinmoy nach einer speziellen Meditation gesagt hat: "Wenn sie mir eine Esraj bauen können, werde ich ihnen von Anfang bis zum Ende der Schöpfung dankbar sein." Eine Esraj ist ein indisches Saiteninstrument, was mit einem Bogen gestrichen wird. Minati fügte noch hinzu, dass Sri Chinmoy dies sehr seelenvoll sprach und dies noch zweimal wiederholte.

Sofort erklärten wir uns bereit ein solches Instrument zu bauen! Viele Male machten wir bereits die Erfahrung, dass etwas für unseren Meister zu tun, ein wahrer Segen ist und gleichzeitig eine goldene Gelegenheit inneren Fortschritt zu machen. Ich persönlich glaube, dass ein wahrer Meister nichts mehr braucht. Er besitzt alles was das Leben bedeutungsvoll macht. Er hat Friede und Freude im unendlichen Ausmaß. Wenn also ein Meister seinen Schüler bittet etwas für ihn zu tun, dann nur deshalb weil er weiß, dass der Schüler durch diese Handlung inneren Fortschritt macht. So waren wir beide sehr glücklich eine neue Aufgabe zu erhalten.

Einige Tage später flogen wir nach New York um Sri Chinmoy den Sampler zu bringen - den wir dort erst fertig stellten. Der Sampler ist eine Geschichte für sich, die wir später einmal schreiben werden. Als wir ihm fertig gestellt hatten, begannen wir über die Esraj nachzudenken. Minati rief uns noch einmal an und berichtete uns Sri Chinmoys "Anforderungen" für das Instrument: Es sollte leicht, laut und lieblich sein! Am nächsten Tag erzählte sie uns, dass Sri Chinmoy auf dem Muschelhorn blies, nachdem er sagte: "Jetzt werde ich das Siegshorn für die zwei Jungs blasen. Der Sampler ist jetzt perfekt." Dann wiederholte er nochmals "Ich werde so dankbar sein, wenn sie mir eine Esraj bauen können."

Bis jetzt haben wir einige elektronische Instrumente gebaut. Harkara ist Elektroingenieur und ich habe eine Lehre als Feinmechaniker gemacht. Jetzt erst wurde uns klar, dass wir eigentlich nichts über das Bauen von akustischen Instrumenten, ganz zu schweigen über den Bau einer Esraj wussten. Wir hatten nicht einmal Erfahrung im Umgang mit Holz. Dafür aber hatten wir jetzt eine neue Herausforderung.

Als Deutsche dachten wir natürlich als erstes an Grundlagenforschung. Noch in New York gingen wir in die Bibliothek. Nicht dass wir erwartet hätten hier etwas über die Esraj zu erfahren - Sie ist selbst in Indien ein eher selten gespieltes Instrument. Aber wir suchten und fanden Bücher über Akustik und Instrumentenbau, insbesondere Geigen- und Gitarrenbau. Au weija, beim Durchblätterten der Bücher fanden wir heraus, dass allein die Grundierung einer Violine ein Jahr trocknen sollte und das Holz für exzellente Instrumente sollte mindestens 30 Jahre gelagert sein, und so ging es weiter. Alles in Zusammenhang mit akustischen Instrumenten scheint lange zu dauern. Diese Information war schockierend für uns, weil wir wssten, dass Sri Chinmoy immer alles möglichst schnell erhalten will.

Am selben Tag gab es noch eine Abendveranstaltung mit Sri Chinmoy. Sie war fast vorbei. Wir nahmen Prasad, gingen auf unsere Plätze zurück und begannen zu essen. Plötzlich fragte uns Sri Chinmoy einige Fragen. Es brauchte einige Zeit bis, wir bemerkten, dass er mit uns sprach. "Ich habe gehört, dass ihr in der Bücherei gewesen seit", er lächelte: "Erst müßt ihr zu Einstein werden, dann könnt ihr zu Beethoven werden". "Habt ihr schon alle Materialien besorgt?" - "Hat euch Minati ausgerichtet, dass sie leicht, laut und lieblich sein soll?" - "Wann wird sie fertig sein?"

Außer unserem Forschungsausflug hatten wir noch nichts gemacht. Wir hatten wirklich keine Ahnung wie lange es dauern würde. Das einzige, was uns in den Sinn kam war, dass wir bereits unsere Flugscheine gebucht hatten um Sri Chinmoy auf seiner Reise nach Australien zu sehen. So antworteten wir: "Wir kommen im Januar nach Australien. Wir werden sie dorthin mitbringen!" Das waren nur noch fünf Wochen. Natürlich mussten wir nach unserer Heimreise auch erst mal wieder Geld verdienen. Nach einer kurzen Pause sagt Sri Chinmoy in einem ganz speziellen Tonfall, den ich nie vergessen werde: "Viel Glück!" Es war irgendwie, als ob er den Startschuss abfeuerte aber wir wussten noch nicht so recht in welche Richtung wir laufen sollten.